Praktikantenausbildung im Village Pioneer Project

1. Zielsetzung
Das VPP ist ein basisorientiertes Entwicklungshilfeprojekt für ländliche Gebiete, dessen Aktivitäten u. a. auf einkommensschwache Bevölkerungsschichten in diesen Regionen abzielen. Es wird versucht, sowohl arbeitslose Jugendliche (die sog. Pioniere) auszubilden, als auch Farmern in den umliegenden Dörfern die Möglichkeit zu geben, von den Innovationen des Projekts durch Seminare zu profitieren. Die Projektteilnehmer sollen in die Lage versetzt werden, sich selbst zu versorgen, um eine ausgewogene Ernährung für sich selbst und andere bereitzustellen und ein ausreichendes politisches und kulturelles Bewusstsein zu entwickeln.
Da generell davon ausgegangen wird, dass eine Verbesserung der Lebensbedingungen der Bevölkerung in Entwicklungsländern nur möglich ist, wenn sich auch eine Bewusstseinsänderung der Einwohner der "reichen" Länder, der Industrienationen, vollzieht, muss ein grundlegendes Ziel eines jeden Aufenthalts in diesem Projekt sein, eine Basis für eine kooperative Zusammenarbeit ohne hierarchische Strukturen zwischen "Arm" und "Reich" zu bilden. Der europäische Praktikant bzw. Besucher soll ein grundlegendes Verständnis für die politischen, ökonomischen, sozialen und kulturellen Probleme in Entwicklungsländern (hier speziell in Nigeria) aufbauen. Das Projekt bietet den Counterparts die Möglichkeit, sich sowohl im Bereich der tropischen, ökologisch orientierten Landwirtschaft (acrofarming - Modell nach Egger), als auch in traditionellen Handwerkstechniken ausbilden zu lassen. Europäischen Praktikanten wird selbstverständlich die Möglichkeit gegeben, an diesen Programmen zu partizipieren und ihre Kenntnisse auf diesen Gebieten zu erweitern. Im Rahmen des Aufenthalts im VPP wird dem Praktikant bzw. Besucher auf Wunsch hin ein ausreichender Zeitraum zur Verfügung gestellt, um das Land zu bereisen, falls dieser über ausreichende Mittel dazu verfügt.
2. Anforderungen
Europäische Praktikanten, die im VPP arbeiten wollen, sollten bereits entwicklungspolitisches Engagement gezeigt haben. Dies muss nicht ein Praktikum in Übersee gewesen sein, auch Mitarbeit bei Dritt-Welt-Aktionsgruppen, bei kirchlichen und anderen Arbeitskreisen, sowie entwicklungspolitischen Institutionen reicht i. a. aus, um einen Einstieg in die Dritte-Welt-Problematik zu finden. Um sich schnellstmöglichst auf das soziokulturelle Umfeld einstellen zu können, ist es unerläßlich, eine angemessene Vorbereitungszeit zu berücksichtigen, um sich etwas Wissen über Geschichte, gesellschaftliche Strukturen, kulturelle Gegebenheiten und ökonomische Verhältnisse in Westafrika, speziell Nigeria aneigenen zu können und eventuell auch Englischkenntnisse wiederaufzubessern. (Literatur und Informationen kann man aus dem Internet holen.)
Die Mindestdauer des Aufenthalts im Projekt sollte zwei Monate nicht unterschreiten, um nach der Anpassung an veränderte klimatische und soziokulturelle Verhältnisse noch genügend Zeit zu haben im Projekt effektiv mitzuarbeiten.
Es versteht sich von selbst, dass der Praktikant eine flexible geistige Haltung zeigen sollte, da europäische Maßstäbe im großen und ganzen in Afrika nicht angelegt werden können.
Da die finanziellen Mittel des Projekts begrenzt sind, müssen Praktikanten die Kosten für Hin- und Rückflug selbst tragen. Auch den Aufenthalt im Projekt (1. Monat 300 € und jeden weiteren Monat 200 €) und den Eigenbedarf (für Reisen in Nigeria, Mitbringsel, den täglichen Kleinkram u. ä.) muss der Praktikant selbst finanzieren.
Eine ausreichende Reiseapotheke sollte vorbereitet werden, Malariaprophylaxe ist unbedingt erforderlich. Folgende Impfungen sind notwendig bzw. aufzufrischen: Gelbfieberimpfung, Tetanus, Kinderlähmung. Eine Impfung gegen Gelbsucht , Meningitis, Tollwut und Cholera bieten individuellen Schutz, sind aber nicht obligatorisch, d. h. man kann nach Rücksprache mit dem Hausarzt oder dem Tropeninstitut selbst entscheiden, ob diese erwünscht sind.
Um das Visum bei der nigerianischen Botschaft in Berlin zu beantragen, informiert man sich am besten über das Internet. Vor Beantragung des Visums ist es unbedingt notwendig, noch einmal Rücksprache mit dem VPP-Verein oder Elvira Akomolafe in Waiblingen zu nehmen.
3. Tätigkeitsfeld des Praktikanten im Projekt
Während des Aufenthalts im VPP eröffnen sich für jeden Praktikanten eine Vielzahl von Möglichkeiten sein Praktikum für sich selbst und das Projekt sinnvoll zu gestalten. Es soll sich um einen kooperativen Lernprozess handeln, d.h. durch die Interaktion zwischen Praktikant und Projektteilnehmern profitieren beide Seiten während des Praktikumzeitraums vom Wissen des anderen. Die Angebote des VPP erstrecken sich u.a. auf folgende Bereiche:
A: Tropische Landwirtschaft
Hier kann der Praktikant eine Vielzahl unterschiedlicher Kulturarten und deren Anbau- techniken kennen lernen. Weiterhin erfährt er wie durch geeignete Bodennutzungssysteme ein ökologisch stabiles Farmengagement in Nigeria möglich ist. Außerdem lernt der Praktikant etwas über Zucht und Haltung von Schweinen und Hasen und erhält Einblick in die Funktionsweise der VPP-eigenen Biogasanlage.
B: Traditionelle Handwerkstechniken
Im Rahmen von Workshops des VPP wird den Praktikanten die Gelegenheit geboten, verschiedene Tätigkeiten wie z.B. Schmieden, Schreinern, Spinnen, Weben, Seifenher- stellung u.ä. selbst zu erlernen und auch eigene Kenntnisse auf diesen Gebieten weiter- zugeben. Der Praktikant kann auch in der Hauswirtschaft tätig werden.
C: Wasserfabrik
Hier kann der Praktikant bei der Aufbereitung von VPP-Wasser bis hin zum Verkauf auf dem Markt helfen.
D: Schulen
Da das VPP verschiedene Schulen unterstützt kann der Praktikant auch in diesem Bereich Erfahrungen sammeln, und z.B. in Grundschulklassen nach Absprache Unterrichtsversuche machen.
4. Vermittlerfunktion nach der Rückkehr
Es wird angestrebt, dass der Praktikant kurz vor Beendigung seines Praktikums einen kurzen Abschlussbericht erstellt, in dem er/sie seine/ihre Erfahrungen und seine/ihre Position zum Projekt klar zum Ausdruck bringt. Dieser Bericht wird im Rahmen einer Abschlussbesprechung mit dem Projektmanagement diskutiert. Wie bereits zu Beginn aufgezeigt wurde, können sich die Lebensbedingungen sowohl in den Entwicklungs- als auch in den Industrieländern nur dann verbessern, wenn beide Seiten bereit sind, von ihren eigenen Fehlern zu lernen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Deshalb sollte der Praktikant die Entwicklung des Projekts auch nach seiner Rückkehr weiterverfolgen und auch Freunde und Bekannte an den von ihm gemachten Erfahrungen teilhaben lassen.

Wenn Sie sich für ein Praktikum beim VPP in Nigeria interessieren, füllen Sie bitte den hier als PDF bereitliegenden Fragebogen aus und senden diesen an Frau Akomolafe

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Nachfolgend der Bericht von Anselm Fink, der 2008/2009 bei uns ein Praktikum gemacht hat (gibt's auch hier als PDF zum Download; weitere Berichte: Praktikumsbericht von 2004 und von Katrin Mangold 2009).

Praktikumsbericht über meinen Aufenthalt in Nigeria vom 17.10.2008 bis 09.02. 2009
Am 16.10. 2008 flog ich von Stuttgart über Frankfurt nach Lagos. Schon im Flugzeug bekam ich ein "internationales Gefühl": Fast alle Fluggäste waren Nigerianer, einige hatten ihre traditionellen robenähnlichen und oft sehr farbenfrohen Gewänder an, manche Frauen trugen eine Art "Turban". Nach etwa 6h Flugzeit von Frankfurt aus kam ich gegen 5pm Nigerian time am Lagos International Airport an. Als ich auf mein Gepäck wartete, bemerkte ich einen Flughafenmitarbeiter, der ein Schild hochhielt "Mr. Anselm Fink". Ich nahm in englischer Sprache Kontakt zu ihm auf, er fragte mich: "Are you a friend of the Chief?" Er nahm mich sofort freundlich unter seine Fittiche, erklärte, ich bekäme nun "VIP treatment", wurde an den wartenden Menschenmassen vorbeigelotst, und nur kurz wurde mein Pass angeschaut - die anderen mussten ewig warten, an der Schlange sind wir einfach vorbeispaziert. Der unbekannte Zöllner rief sofort mittels Mobiltelefon Komo an, der mich herzlich begrüßte und willkommen hieß, bis gleich darauf die Verbindung dermaßen schlecht wurde, dass es unmöglich geworden war, auch nur ein Wort zu verstehen. Nach den zügigst erledigten Einreiseformalitäten erschien Dayo, Komo's Vertrauter und "General Manager of the VPP", ein sehr freundlicher, kleiner und rundlicher Nigerianer in schönem traditionellem "Yoruba dress". Als wir ins Freie traten, bekam ich zum ersten Mal die unglaubliche Hitze der brennenden Sonne zu spüren. Sogleich scharten sich potentielle Tagediebe um uns, einige wollten Kontakt zu mir herstellen, schielten dabei in meine Brusttasche, um zu sehen, wo ich meine Geldbörse aufbewahrte und bettelten. Dayo gab mir ein Zeichen, ich solle nicht reagieren. Überall standen auch schwerbewaffnete Polizisten und Soldaten herum, die mit grimmigem, sondierendem Blick die Umgebung zu kontrollieren versuchten in dieser aufgeregten, lauten, sich ständig in Bewegung befindlichen Menschenmasse. Wir stiegen in ein Taxi, das uns zum Hotel bringen sollte. Der Verkehr war unglaublich, wir kämpften uns durch ständig auftretende Stauungen auf den staubigen Straßen, ein wildes Durcheinander mit viel Gehupe, rücksichtslosen Rechtsüberholern, und massenhaft schwerstbepackten Motorrädern, eines sogar mit einem schreienden Schwein beladen - niemand scherte sich jedoch um etwas solch sekundäres wie Verkehrsregeln, sondern begab sich ständig in für deutsche Einschätzung lebensgefährliche Situationen - es war "die Hölle auf der Straße". Aber man gewöhnt sich an alles, nur zu Beginn staunte ich über schrottreifen uralt-VW-Busse ohne Türen und in Schräglage, weil sich innen um die 20 Menschen drängten. Ab und zu sah man Verkehrspolizisten, die hilflos versuchten, irgendwie positiven Einfluss auf das Durcheinander auszuüben. Zwischen den Autos immer wieder Verkäufer, die versuchten, alles nur erdenkliche an den Mann zu bringen, einem alles unter die Nase hielten, wenn sie mal nicht vor Rasern flüchteten. An den Straßenrändern waren wahnsinnig viele Fußgänger, Hunderte von Frauen, die auf ihren Köpfen Waren transportierten mit bewundernswerter Balance. Wir passierten auch viele Verkaufsstände, wo absolut alles vorstellbare (oder auch nicht) verkauft wurde, vom Milchpulver über alte Fernseher bis hin zu Sofas und gebratenen Kochbananen. Es gab sogar einen "mirror service" - eine Frau mit einem Ganzkörperspiegel in den Händen - jeder, der zahlte, durfte einen Blick riskieren. Wir fuhren also mit dem Taxi ins Hotel, das wohl eines der besten der zur Verfügung stehenden war, aber für deutsch-Indoktrinierte in dermaßen unmöglichem Zustand war, dass es in Deutschland von irgendwelchen Gutachtern schon längst zwangsgeschlossen worden wäre. Immerhin gab es Ventilatoren, hinter einem Gitter einen Fernseher, und auf dem Zimmer, wo es sogar eine Klimaanlage gab - purer Luxus (am nächsten Morgen war ich sogar leicht erkältet) - war es relativ sauber. Fließendes Wasser, wie so oft in Nigeria leider Fehlanzeige, man musste zum Duschen mit dem "zwei Eimer System" auskommen.
Am nächsten Morgen nahmen wir den "Jesus Christ Public Transport", einen japanischen Kleinbus mit einem Fahrer, der fuhr, wie ein Henker. Ich bewunderte staunend und entzückt die wundervolle tropische Natur am Straßenrand, während wir von Schlagloch zu Schlagloch rasten und ich mir von Zeit zu Zeit den Kopf von der Wagendecke "küssen" lassen musste vor lauter Geholper.
Im Dorf Ajue angekommen, krähten die Kinder begeistert "Oyinbo, Oyinbo!!" ("ein Weißer" auf Yoruba), manche hatten sogar Angst vor mir und liefen schreiend weg, sobald ich auf sie zusteuerte. Yemi, die eine sehr gute Köchin ist und auch als Catering Dame arbeitet (sogar für King Sunny Ade, den "Michael Jackson" Nigerias) hatte schon ein köstliches Festmahl zubereitet, "Cassava" (Maniok) und "pounded Yam" mit sehr scharfer Suppe und Ziegenfleisch, Besteck wird traditionell nicht benutzt. Sie hat auch in Zukunft sehr gut für mich gesorgt - vielen Dank dafür!
Am nächsten Morgen stand ich gegen 5.40 Uhr morgens auf, um in der Schweinezucht zu arbeiten (Mist zusammenfegen und die etwa 50 Schweine füttern), danach pflückten wir Blätter für die Hasenzucht mit den berühmten VPP Riesenkaninchen, verfütterten das Grünzeug und gaben den Häslein Wasser. Die Fische, "catfish", also Welse, waren ebenfalls noch zu füttern, und danach ging es in den Garten, um mit der Machete Unkraut zu jäten. Abends gegen 6pm mussten die Tiere natürlich wieder versorgt werden. Damit alles seine Ordnung hat (also, dass auch wirklich gearbeitet wurde), darum kümmerte sich Sunday, the Supervisor, ein Mann, der so freundlich war, wie er auch klein war, also sehr. In den Tierzuchten hatte ich in Zukunft immer zu arbeiten, also immer frühes Aufstehen, auch sonntags. Nachdem nach Monaten die Kleinlaster wieder repariert waren, lief die Produktion in der VPP Wasserfabrik wieder an, dort half ich auch stellenweise aus beim Wasserverpacken und Wassersäcke schleifen.
Ich war sehr glücklich in Nigeria, dieses Praktikum kann ich nur wärmstens gleich der tropischen Hitze weiterempfehlen, es war so eine schöne Zeit, die ich nicht missen möchte, und, sobald es geht, will ich wieder "hinfahren", um meine vielen guten Freunde, die ich unter dem freundlichen und offenherzigen Menschenschlag der Yoruba gewinnen durfte, wiederzusehen!
Anselm Fink